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absentia
4. Tag 15.00 Uhr
Drüben auf dem Dach, drüben am
Schneegitter, eine Bewegung, flüchtig erst nur im Augenwinkel, dann sich heftig
wiederholend, welche Daniels Blick aufzwang, hinüberzwang über die
Hausschlucht, vorbei am Blätterwerk der Linden, klebrig, klebrig tropfend. Was
er hielt anfänglich für wildes Flügelschlagen oder Balzkampf. Es war ein
Kampf, doch ein Kampf gegen den Tod. Was er sah: den graublauen Körper mit weit
gespreizten Flügeln, verfangen an jenem Gitter, gelähmt, um gleich wieder
aufzurütteln gegen die Luft, die Dachziegel, das Metallgewirk; ruckartig, mit
wechselnd aushaltenden Pausenzeichen, immer wieder aufbegehrend, um in eine
normale Lage zurückzugelangen, in ein Leben, wie eine Hoffnung auf Späteres.
Und dann erschien es Daniel doch wie eine Balz, da eine zweite Taube daneben,
aber jene nicht aufgeregt, nicht fordernd, nur still im Abstand stand und sah,
und er sich jenen Blick als gleichgültig-erschreckt an sich spiegelte. Es war
ein Sterben an jener. Die Pausen zum Leben wurden länger, die Flügel blieben
ausgefächert, nur der Kopf mit den so untierischen Augen und dem rotgoldenen
Schnabel gab Zeichen in jenem Kampf. Was wußte der denn vom TaubenLeben? Daß
jene im Sterben war? Die Flügel zitternd, der Hals jetzt schwach hinsinkend,
immer wieder ankämpfend dagegen, mit unkontrollierten Zuckungen, einem Willen
zum WeiterLeben; kurz hatte sie sich wieder aufgerichtet, putzte ihr Gefieder
als sei nichts, bewegte den Kopf und gurrte den Partner herbei, der still stand,
abwartend, der eher zwei Schritte aufwärts trippelte denn einen abwärts. Der
wußte! Wie auch Daniel. Es war das letzte Aufbäumen gewesen, der letzte Akt
des Lebens. Sekunden später waren die Flügel ausgespreizt und würden nie
wieder einen Schlag tun. Der Hals an den Körper gelehnt starb jenes im
Schneegitter eines Daches. Unwiederbringlich. Unwiederbringbar. Wider das Leben
in einen Tod.
Daniel konnte den Blick nicht wenden,
selbst nicht als die andere Taube aufflog und verschwand. Sie hatte einen
anderen Tod gesehen denn er, denn es war der ihre. Ihm war der Tod gleich in
allem, hatte er auch keine Flügel, war er auch keine Taube, das Sterben schien
ihm an allem wiederholbar jetzt; und seltsam an der Oberfläche nur, es rührte
ihn, hatte etwas angerührt in ihm, lange Verschollenes, und doch, es blieb eine
merkliche Oberfläche, einer Kammhaut über einem stillstehenden Gewässer
gleich, bereit durch jeden Lufthauch aufgerissen zu werden. Die Angst kommt erst
mit der Tiefe.
Er wandte den Blick wieder auf die, über
seinem Schreibtisch verstreuten Blätter, Schülerantworten auf Lehrerfragen,
welche es zu korrigieren galt, und es ihm nicht gelingen wollte, ein richtendes
Wort dagegen niederzuschreiben.
Wo blieb Mephisto, wo blieb die Antwort
von jenem Nachbarn, der ihm versprochen hatte zu helfen?
Und mürrisch stand er auf, trat ans
Fenster, mied jedoch mit den Blicken das Schneegitter gegenüber, darum wußte
er, er brauchte nicht nocheinmal an jenes tote Gefieder zu gelangen, sah hinab
auf die schmale Straße, sah hinab auf die Gehsteige unter denen die Baumstämme
Halt fanden im Erdreich, die Rechtecke vom Pflaster ausgespart, an denen das
Regenwasser versickern durfte zu den feineren Haarwurzeln.
Wie häßlich die Menschen dort unten
waren!
Und selbst wenn in den Gesichtern Angst
gewesen wäre, Wut gewesen wäre, Trauer, alles das, was sie hätte schön und
edel machen können, erblickte er an ihnen nur wie zu Stein gefrorene, leere
Gier. Ein zu Gas verflüchtigtes, zeitloses Nichts. Sie gingen aneinander vorüber
wie Schemen - und trafen sich zwei, die sich kannten, standen sie voreinander
wie Schemen, die in ihrer Flüchtigkeit sich nichts zu sagen wußten, außer der
Müdigkeit, die ein jeder dem anderen zuspie. Denn anderes wäre unwägbar,
absichtsvoll, Wünschen unterworfen, es könnte ein jeder Forderungen stellen,
wie auch immer. Es würde Denken, ein Nachdenken zeitigen, die Nichtigkeit zum
Spielball von Gedanken machen: Wer sollte dies je wollen?
Mit kalter Wut riß er sich fort von
dem Fenster, bewegte den Mund, als wollte er ausspeien, atmete tief durch,
einmal, zweimal, ging hinüber in die kleine Küche, öffnete die obere Schranktür,
nahm die Flasche mit der braungoldenen Flüssigkeit heraus, nahm Eis aus dem Kühlfach
und füllte sich ein Glas. Trank. Versuchte dabei die Gedanken loszuwerden,
aufzuhören mit jenem Haß in ihm, mit allem in ihm, was Haß war. Und wußte
doch, der Alkohol würde nur dämpfen im besten Fall, im schlechtesten die
Gedanken noch tiefer bringen, noch ehrlicher machen, noch wütender und immer
mehr gegen sich selbst gerichtet aufstacheln; aus Haß auf die anderen konnte so
nur der Haß auf sich selbst werden. Trotzdem trank er.
Nahm Glas und Flasche und kehrte zu
seinem Schreibtisch zurück, überflog die Blätter, als ließe sich darinnen
etwas finden, was er sein Eigen nennen könnte. Und mußte über so viel
Nichtigkeit grinsen. Alles dies und nichts. Und Poe's Rabe ‚Nevermore‘
setzte sich auf seine Schulter. Er legte die Hand auf das Blatt Papier vor ihm,
spreizte die Finger, dann drückte er die Fingerkuppen an, krümmte die Glieder
und zerknüllte das Papier in seiner Handfläche, warf es von sich.
Und Mona?
Er betrachtete die dreihundert Jahre
alte Seekarte, dem Schreibtisch direkt gegenüber, an der Wand: Als die Erde
noch ein Geheimnis war, Terra Incognito, Mare Clausum, als ein verloren
gegangener Gott noch über die Wasser wandelte und die ihm eigenen Menschen
erschlug, hängte, räderte, vierteilte, verbrannte, köpfte - Grausamer Gott; Büttel
der eigenen Brut; schlechter, böser, eitler, grausamer als jeder Götze, denn
die Menschen wollten es so, die ihm hörig waren.
'Der
Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer'. So auch ihm, der sich jenem Gott
verpflichtet gefühlt hatte, ihn verteidigt hatte, geliebt hatte. Und ihn
endlich verlor! Und nichts und niemanden gewann dazu. Da nichts war, was zu
gewinnen wäre. Leere sinnlose Hüllen außerhalb von ihm. Ein Kokon fürchterlicher
Schrecken, die waren nicht zu bannen. Niemals.
Wie Daniel sich sehnte, sich sehnte an
sich selbst zurück, das Glas hob, trank und sich und die Welt und die Gedanken
verfluchte. Jetzt und Hier, wie Nirgendwo und Nimmer. Da war keine Krankheit, da
war kein Fehl, nichts - nur er selbst und allerlei alleine dabei.
Und er konnte den Blick heben, den Kopf
wenden nach jenem Fenster, hinter dem der harsche Wind durch ein Gefieder
strich. War dort eine Krankheit, ein Tod für andere, für ihn nicht, dort war
nur eine Taube und sie alleine auf immer.
© 1999 wolfgang weber-strehle
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