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auszug
Und
die Nacht war schon herabgefallen zwischen die Straßenfluchten,
die Pflaster mit Schatten bedeckt, die noch von flackernden Lichtern
erhellten Fenster mit Stoffen verhängt,
in den wenigsten Zimmern wirkliche
Vorhänge, dazu wäre ein anderer Bezirk
besser ausgesucht. Es ging
auf neun Uhr.
Julius hatte sich einen Hocker an das
Fenster gezogen. Immer wieder
schob er mit dem Zeigefinger die
Stoffbahn ein wenig zur Seite und sah
hinunter auf das schwarze Pflaster. Ohne
Grund. Er erwartete nichts.
Ließ auch sofort wieder den Stoff zurückgleiten,
verschränkte die Arme,
um dann, wenige Minuten später, erneut
aus dem Fenster zu sehen. Und
er machte jedesmal eine Miene dabei, als
schäme er sich dessen. Nein,
auf da draußen wartete er nicht, doch
das enge Zimmer, die emsige Geschäftigkeit
Sveas machten ihn unruhig. Hier gab es
etwas zu zupfen,
dort etwas glatt zu streichen, nie hatte
das neue, mit feinem Muster gewirkte
Kleid den richtigen Sitz; und war sie für
den Moment scheinbar
zufrieden, dann galt es die Bettlaken
geradezuziehen oder die verschlissenen
Kopfkissenbezüge in Form zu bringen;
dann noch die Schute mit
den bunten Bändern, die Unterröcke:
»Und du meinst, das alles ist nicht zu auffallend?«
Julius sah kurz herüber, lächelte. Wie oft schon an diesem Abend hatte
sie Zweifel an Kleid, Röcken, dem bebänderten
Hut, an ihrem zu einer
Schnecke geflochtenen Haar.
»Nein, aber warum denn? Und du hast doch
morgen auch noch genug
Zeit, du mußt doch ohnehin noch einmal
schlafen, wozu dann...«
»Ich glaube nicht, daß ich heute werde
schlafen können.«
»Doch doch, beide werden wir gut
schlafen,« seine Stimme war mit
den letzten Silben leiser geworden. So
sicher war er nicht und hatte
schon wieder die Stoffbahn zur Seite gerückt.
»Siehst du! Du bist genauso nervös. Und du glaubst an ein Schlafen?«
»Ich hoffe darauf.«
»Ach Julius. Manchmal... Es ging doch
bisher auch...«
»Freust du dich nicht?«
»Dummer du. Natürlich. Was sollte ich mich denn nicht freuen. Nur
das alles...«, und sie zeigte mit der
Hand undeutlich auf Kleid und Bett,
»das alles ist so ungewohnt.«
»Das hoffe ich doch!«
Svea mußte lachen, ging zu ihm herüber, legte einen Arm auf seine Schulter,
bückte sich und küßte ihn liebevoll
auf den Mund: »Ich weiß ja, ich
mache dich verrückt. Aber das alles - «
Er nahm ihre andere Hand, drückte sie: »Ja, alles Dein. Du wirst doch
wohl unsere Freunde nicht beleidigen
wollen, in dem du ihre Geschenke
ablehnen willst? Da haben sie genug
betteln und anschreiben müssen
dafür.«
»Das meine ich ja. In diesen Zeiten!
Selbst Hemmel und Walter, die
nun wirklich nichts haben.«
»Was? Hat da einer gepetzt?«
Sie drückte ihm die Schulter: »Du kennst sie doch, freuen sich genauso.«
»Deshalb noch lange kein Grund, es schon
zu verraten.«
»Die beiden haben kein Geld, und dann
wollen sie unbedingt Blumen
besorgen.«
»Wie ich die kenne, klauen sie die.«
»Ach komm!«, und sie grinste ihn mit
funkelnden Augen an: »Nehmen
würd ich sie trotzdem. Aber - schickt
sich sowas denn überhaupt:
Blumen?«
»Liebste Svea, es ist auch für mich das
erste Mal. Woher soll ...«
Und sie gab ihm einen leichten Klaps: »Woher, woher? Ich denke, ihr
Männer solltet das wissen.«
»Ich dachte immer, das ist das Fach der
Frauen?«
»Nun hör aber auf! Aber Marie und
Georg, die müßten das doch
wissen.«
Julius zuckte mit der Schulter: »Was können sie schon wissen, haben die
Zeiten sich doch arg geändert!«
Svea seufzte: »Wenn nur die Kirche, der Pfaffe nicht wär. Die Freunde
werden vor Lachen Bauchgrimmen bekommen.«
»Werden sich schon zusammenreißen,
dauert auch nicht lang, ich
hab das den Pfarrer merken lassen. Der
war gar ungehalten von wegen
Gottlosigkeit und Sünde, schlug aber
dann doch ein. Will sich wohl gut
stellen, dem hat die Revolution ganz schön
Angst gemacht, da traut er
sich nun nicht, laut loszuzetern oder gar
die Trauung zu verhindern.«
»Dein Carbonarihut wird ihn genug
schrecken.«
»Ich werd den Filz schon nicht zu aufrührerisch
tragen, aber ein Zylinder
kam mir denn doch zu blöde vor, bin kein
braver Bürger.«
»Wenn du es auch gerne wärst, nicht?«
Achselzucken. Mit einem leichten Lächeln schob er den Stoff beiseite.
Und dann ein kurzer, erstickter Schrei,
laute Stimmen von nebenan.
Beide zuckten sie zusammen, sahen sich
an, blickten verstört zu Boden.
Begann es wieder? Poltern, als sei ein Möbelstück
umgefallen, irgend
ein Gefäß zersprang mit einem Knall,
Schreie abermals. Svea war zu
Julius geeilt, fiel vor ihm auf die Knie,
barg ihr Gesicht an seiner Brust:
Es begann. Würde nie enden. Die Schreie.
Selbst Julius zuckte zusammen,
schlang die Arme fester um Svea. So nah.
Ein langgezogenes
Aufheulen. Sie wußten, da wurde jemand
geschlagen in der angrenzenden
Wohnung, immer wieder geschlagen. Ein
junges Mädchen, das sie
nie zu Gesicht bekammen. Doch
einzugreifen wagte niemand. Es war
so, würde so sein und bleiben. Und
verteilt über alle Häuser der Stadt
ähnliche Schreie. Ein junges Mädchen wird zur Dirne gepreßt, um die
Familie nicht verhungern zu lassen; gepreßt
und stundenweise verkauft
an Männer wie Frauen in eleganter Robe.
Da war kein Ausweg.
© 1999 wolfgang
weber-strehle
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